Godron Family Farm

Die kommenden zwei Wochen sind geprägt von Orangen. „Meine“ vierköpfige französische Familie hält verschiedene Nutzvögel (Enten, Gänse, Hühner, Perlhühner und ein Truthahn-Pärchen) eine Katze und einen Hund – ein Hirte legt uns einen Welpen vor die Tür, der aufgrund der Intervention der Kinder zumindest übergangsweise auch aufgenommen wird.
Außerdem haben sie einen Gemüsegarten sowie etliche Orangen- (und ein paar äußerst stachlige Granatapfel-)Bäume. Besonders die Orangenbäume sorgen für ausgefüllte Arbeitstage. Nach dem Aufsammeln alter heruntergefaller Früchte, entferne ich abgestorbene Äste und junge Triebe die im inneren der Bäume zu viel Energie von den Früchten ablenken würden. Dabei umkreisen mich regelmäßig die hungrigen Vögel. Besonders das liebestolle Truthan-Pärchen kommt so nah an mich heran, dass ich es streicheln könnte – den Hahn muss ich allerdings ab und zu an die Reihenfolge in der Nahrungskette erinnern…
Praktischerweise ist die diesjährige Ernte so gut ausgefallen, dass es täglich Orangen gibt. Wir essen sie einfach so, pressen ihren Saft aus, genießen sie als Marmelade, verarbeiten sie im Salat und ich kreiere sogar eine Süßspeise aus ihnen.

An den beiden Wochenenden steht nach der Arbeit je ein Ausflug zum Klettern auf dem Programm und bei der zweiten Exkursion beende ich nicht nur meine erste Top-Rope-Route dort, sondern schaffe sogar (mit aufmunternden Zurufen von unten) das erste mal eine im Vorstieg.

An einem Abend lädt uns ein befreundeter Deutscher und seine türkische Frau zum Fisch grillen ein. An einem anderen kommen die beiden und noch ein weiteres aus Deutschland ausgewandertes Paar zu Sauerkraut und Kassler zu uns vorbei. Da zwischendurch auch noch drei französische Künstlerinnen zu Besuch sind, ist viel Bewegung im Haus.
Als Abschlussprojekt im Garten stellen wir noch ein Gewächshaus fertig, welches wir am ersten Tag begonnen hatten.

An meinem freien Tag besichtige ich Thermessos. Weil der Weg vom Eingang bis zu den antiken Ruinen doch sehr weit ist, halte ich das erste vorbeikommende Auto an und werde mitgenommen. Wie sich herausstellt, habe ich mir dabei den Sohn eines Archäologen ausgesucht. So bekomme ich nicht nur meine eigene Führung und etwas Tee im Wächterhäuschen, sondern auch noch ein paar Wanderkarten geschenkt und eine Rückfahrt nach Antalya. Dort besuche ich die Außenterrasse meines Hostels und tausche bei meinem Buchhändler ein neues Buch.

Am Morgen meiner Abreise schenke ich dem Vater meiner Gastfamilie noch eine Packung Kräutertee, da ich zufällig mitbekommen habe, dass er Geburtstag hat und fahre dann mit einem Fernbus nach Dinizli, wo ich eine befreundete Studentin besuchen will.

Xenophon, Haselnüsse und Diogenes

Die folgenden Tage reise ich entlang der Schwarzmeerküste nach Westen und mache (eher zufällig) dort Zwischenstopps, wo auch Xenophon mit dem griechischen Heer lagerte. So besuche ich zunächst meinen Bekannten bei seiner Familie in Ordu. Dort werde ich sehr liebenswürdig aufgenommen. Er zeigt mir seine Stadt und stellt mich einigen seiner Verwandten sowie Freunden vor. Mit zwei Schwestern – von denen die eine sogar englisch und deutsch kann – besuchen wir das Aussichtsrestaurant auf Boztepe und radeln die Strandpromenade entlang. Bei meiner Abfahrt bekomme ich noch eine Tüte Haselnüsse, für die diese Region berühmt ist.

Von Ordu fahre ich weiter nach Sinop, wo eine Besichtigung des historischen Gefängnisses, der Burg, einer osmanischen Garnison und das Denkmal des Philosophen Diogenes „des Hundes“ auf meiner Agenda stehen.

Mit dem Entschluss, das Schwarze Meer nochmal im Sommer zu besuchen, fahre ich über Ankara wieder Richtung Süden. Im Bus lerne ich einen Mitarbeiter der Weltbank kennen – der mir von seinem sozialen Projekt auf den Philippinen und den „Bänkern ohne Grenzen“ (dafür mit Gewissen) erzählt – und kehre in Ankara angekommen in einem Hostel ein. Das Zimmer dort teile ich mir mit einem Chinesen, einem Perser, einem Usbeken und einem Afghanen. Vor allem mit den drei letztgenannten unterhalte ich mich sehr gut und teile einige der Haselnüsse aus Ordu mit ihnen. Gemeinsam mit dem Afghanen gucke ich mir auch die Stadt und insbesondere das Mausuleum Atatürks an. An den Abenden unterhalte ich mich mit meinen Zimmergenossen – im wahrsten Sinne des Wortes – über Gott und die Welt und wir sind uns, angesehen von der Bewertung der Demokratie, erstaunlich einig…

Nach zwei Übernachtungen reise ich auch von dort wieder ab und kehre nach Antalya zurück. Die Tage bis zum Arbeitsbeginn auf dem nächsten Bauernhof nutze ich, um meinen bei der Schule zwischen gelagerten Rucksack abzuholen und die Mutter meiner Gastfamilie zu besuchen. (Bei der Gelegenheit gebe ich ihr für ihre Tochter meine Buskarte aus Ankara, die ich in einer anderen Stadt nicht nutzen kann.)
Am 10. Februar holt mich die französische Familie, auf deren Hof ich die nächsten zwei Wochen mitarbeiten werde, vor einem Einkaufszentrum ab und ich kollektiviere als Gastgeschenk meine restlichen Haselnüsse.

Ich freue mich auf die Arbeit und darauf endlich mal wieder etwas länger an einem Ort zu bleiben, so dass es sich lohnt, meine Taschen auszupacken.

Ausflug ans Schwarze Meer

Meine letzte Woche in Antalya wasche ich nochmal alle meine Sachen (wer weiß, wann ich dazu wieder die Gelegenheit habe) und packe schon mal zur Probe meine Taschen. Dabei stelle ich fest, dass ich etwas über 25 Kilogramm mit mir führe. Wenn ich bedenke, wie weit ich das alles schon getragen habe, kommt es mir viel vor; wenn ich bedenke, dass ich im Moment nicht mehr besitze, habe ich das Gefühl, es sei wenig. Definitiv ist es aber zu viel für den gebuchten Flieger nach Tranzon, so dass ich meinen Rucksack in der Schule zwischen lagere und nur mit meinem Seesack weiter reise.

Außerdem verabschiede ich mich von „meiner Familie“, meiner Schule, meinem Buchhändler – nicht ohne das alte gegen ein neues Buch zu tauschen – und meiner lieblings Simit-Verkäuferin, die immer schon den größten und leckersten Sesamring rausgesucht hatte, sobald sie mich sah.

Nach etwa eineinhalb Stunden Flug komme ich nicht nur in Trabzon, sondern auch im Winter an. Die Stadt ist (zunehmend) tief verschneit – was auch meine Ausflüge in das Umland verhindert. Schon in der Stadt sind die Straßen ohne Schneeketten kaum befahrbar und so von schliddernden Fußgängern bevölkert. Immer wieder brechen spontan Schneeballschlachten aus, an denen sich nicht nur Kinder, sondern auch ältere Herren oder unterbeschäftigte Mitarbeiter von Restaurants mit Außenbetrieb beteiligen. (Mitunter so enthusiastisch ausgeführt, dass schon mal Aschenbecher von den Tischen geworfen werden.)

Außerdem machen viele aus der Not, kaum Platz für den weggeschaufelten Schnee zu haben, eine Tugend und bauen Schneemänner (& detailverliebte Schneefrauen – für die eigens bunte Perücken aus dem nahe gelegenen Geschäft herbei geschafft werden).

Da ich von meinem Besuch im letzten Jahr schon einige Sehenswürdigkeiten kenne, besichtigen ich dieses mal eine leider sicher verschlossene Klosterruine, die Stadtmauer mit angrenzender Burg (größtenteils innig mit modernen Wohnhäusern umschlossen) und das städtische Museum. Dort treffe ich auch auf Hinweise zu Xenophon, dessen Buch über den Marsch der zehntausend griechischen Söldner von Mesopotamien in ihre Heimat, ich gelesen hatte.

Pamphylien und Umgebung

Die folgenden zwei Wochen bin ich vor allem damit beschäftigt Türkisch zu lernen. Nach der Schule spaziere ich in der Regel noch etwas durch die Stadt oder in einem der Parks und lese auf unserem Balkon. (Bei einem sehr sprachbegabten und belesenem Gebrauchtbuchhändler, der seit dem gerne für einen kleinen Plausch zur Verfügung steht, hatte ich mir ein neues Buch gekauft.) Abends widme ich mich dann meinen Hausaufgaben und lerne Vokabeln. Nebenbei versuche ich, die Themen der vorherigen Wochen nachzuholen. Da ich aber auch auf kleine kulturelle und soziale Höhepunkte nicht verzichten will, komme ich beim Nachholen nur langsam voran. Dafür besichtige ich die beiden Düden Wasserfälle sowie die Ruinen von Phasalis und besuche mehrere Male die Mutter meiner Gastfamilie auf ihrer Arbeit. Auf dem Weg zum Abendessen bei den Geschwistern, die den Sprachkurs organisieren, werde ich ein zweites Mal von der Polizei kontrolliert. Dieser Beamte kann aber gut Englisch und der Anblick des Kuchens, den ich als Gastgeschenk dabei habe, verstreut jede Skepsis bei ihm.
Ein wirkliches Erlebnis bietet mir der Friseur, zu dem ich mich nach einiger Überwindung wage (immerhin habe ich mir seit 20 Jahren nicht mehr von einem Profil die Haare schneiden lassen). Zum einen freue ich mich, dass ich nicht nur meine Wünsche äußern kann, sondern auch noch ein Gespräch gelingt. Zum anderen bekomme ich für mein Geld mehr als nur die Haare geschnitten, den Bart getrimmt und den obligatorischen Tee. Zusätzlich ist auch das Waschen der Haare und des gesamten Gesichtes – inkl. des inneren meiner Ohren – inbegriffen. Als Zugabe vermittelt der Friseur mir noch den Kontakt zu einem Ziegenhirten, da sich die Suche nach einer Arbeit nach meiner Zeit in Antalya schwierig gestaltet. Dieses Angebot kommt zwar nicht zustande, aber da ich den Sppachkurs um eine Woche verlängere gewinne ich Zeit und bekomme schließlich doch noch eine Zusage von einem kleinen Bauernhof.

An einem der Wochenenden mache ich mit dem Fernbus einen Ausflug – durch das tief verschneite Taurus-Gebirge – nach Konya, um die beiden Studenten zu besuchen, die ich auf Yeni Köy kennen gelernt hatte. Sie besichtigen mit mir das Mausoleum von Mevlana Dschalaleddin Rumi und im Anschluss gucken wir in einem Café einem kleinen Mädchen dabei zu, wie es den Derwischtanz übt und lauschen einem Musikerpärchen. Beim Aufbruch fällt meinem Gastgeber auf, dass er sein Portmonee verloren hat. So verbringen wir die halbe Nacht damit alle Ort abzulaufen, wo er gewesen ist oder es abgegeben worden sein könnte, um doch unverrichteter Dinge zu seinem Freund zurück zu kehren, wo wir übernachten. Als ich mich am nächsten Morgen wieder von ihm verabschiede, nimmt er den von mir angebotenen kleinen Geldbetrag nur unter dem Versprechen an, es zurück zu geben, wenn ich ihn bei seiner Familie in Ordu besuche. Bei der Rückfahrt wird der Bus an einer Straßensperre angehalten und unsere Ausweise kontrolliert. Man könnte ja denken, dass sich dabei eine gewisse Routine einstellt, aber der Gedanke verfliegt schnell beim Anblick des gepanzerten Jeeps und der Polizisten mit Maschinenpistolen.

Reise ans Mittelmeer

Der Schnee bewegt meine Gastgeber dazu ihre (ohnehin recht flexiblen) Pläne zu ändern. So kommen ich und mein Reisegefährte aus Konya in den Genuss, vom Bauernhof bis nach Ezine gefahren zu werden. Von dort fahren regelmäßig Busse nach İzmir.
Ich lasse mich allerdings dazu überreden die günstigere und schnellere Reise mit BlaBla-Car zu wählen – wobei der zweitgenannte Vorteil durch die mehrstündige Wartezeit auf eine passende Mitfahrgelegenheit wegfällt. Als unser Fahrer schließlich auftauch entpuppt er sich aber als freundlicher, gesprächiger Zeitgenosse, der mir (wie fast alle meine Bekanntschaften) seine Hilfe anbietet, falls ich je Probleme haben sollte.

Die folgenden zwei Tage teile ich mir in İzmir mit drei jungen Männern ein kleines Zimmer. Einer betreibt einen Videospiele-Laden, die beiden anderen sind Studenten und zeigen mir ihre Stadt. Derjenige, der auf dem Bauernhof am schlechtesten Englisch sprach, ist nun der beste, so dass unsere Unterhaltungen regelmäßig in allgemeiner Ratlosigkeit oder großem Amüsement enden. Das wenige was sie haben teilen sie sehr bereitwillig und ich muss sie austricksen, um auch mal was bezahlen zu dürfen.

Am ersten Januar fahre ich schließlich mit einem Überlandbus nach Antalya und komme abends bei meiner Gastfamilie an. In Antalya hatte ich einen dreiwöchigen Sprachkurs gebucht, den außer mir noch ein anderer Deutscher besucht. (Der Kurs hat allerdings bereits zwei Wochen vorher begonnen und ist auf A2-Niveau, was mich ganz schön fordert.)

So verbringe ich die Vormittage in der Schule und die Nachmittage mit Lernen bzw. kleinen Erkundungen der Sehenswürdigkeiten Antalyas. Dabei ordert mich an einem Tag in einem Park ein Polizist zu sich und verlangt meine Papiere zu sehen. Er ist eine Weile irritiert, dass ich Ausländer bin, aber in keinem Hotel wohne, lässt mich dann aber weiter spazieren.
Bei einem anderen Ereignisse bin ich wesentlich aufgeregter: Als ich beim Überqueren der Straße auf dem begrünten Mittelstreifen stand, fuhr hinter mir ein Auto gegen die Ampel und ein Orangen-Bäumchen. Die Stoßstange flog an mir vorbei auf die Gegenfahrbahn, aber mich trafen nur Kleinteile und ich kam unversehrt davon.

Das erste Wochenende nutze ich zu einem Ausflug mit meinem Klassenkameraden und seiner Frau in die antike Ruinenstadt Aspendos und einer geführten Wanderung mit einer knapp 30köpfigen Gruppe in den Bergen nördlich von Antalya.

Yeni Köy

Die folgende (knappen) zwei Wochen verbringe ich auf einem kleinen Bauernhof, wo ich als Freiwilliger mitarbeite. Im Gegenzug dafür bekomme ich kostenlose Kost und Logie. Neben dem Besitzer und seiner Freundin leben hier noch im Wechsel fünf andere Freiwillig – wobei ich der einzige Ausländer bin. Aber alle sprechen zumindest ein paar Worte Englisch, was sehr praktisch für mich ist, da meine Türkischkenntnisse doch noch sehr lückenhaft sind. Die Bewohner versuchen möglichst ökologisch sinnvoll zu leben und arbeiten. Sie sind sehr offen und hilfsbereit – und spielen am Heiligen Abend sogar den ganzen Tag nur für mich Weihnachtslieder (was ich fälschlicherweise zunächst für eine Marotte des Radiosenders halte).

Da im Winter weniger Aufgaben anfallen, besteht unser Tagesablauf vor allem daraus, abwechselnd morgens die Gänse, Hühner, Katzen und Hunde zu füttern und den Hühnerstall auszumisten. Diese Reihenfolge drängt sich auf, da sie am ehesten der Lautstärke und Ungeduld der Tiere gerecht wird. Den restlichen Tag packen wir Lebensmittelpäckchen (überwiegend) für Großstädter, die bereit sind für Bio-Lebebsmittel entsprechend Geld auszugeben – beziehungsweise wir bereiten dafür vor, indem wir zum Beispiel Mehl sieben, Bohnen und ihre Schalen auseinander sortieren oder Kräuter abwiegen. Außerdem backen wir mehrere Male Brot in einem großen Lehmbackofen. (Eines davon werde ich als Abschiedsgeschenk mitnehmen dürfen.)

Zusätzlich muss man dafür sorgen, dass immer genug Trink- und Brauchwasser, sowie Brennholz für den Ofen im Gemeinschaftsraum und unseren Schlafräumen vorhanden ist.
Zwischendurch ist aber auch immer Zeit, sich am Ofen aufzuwärmen, zu unterhalten und sich zu entspannen (was ausdrücklich Teil des Tagesablaufes ist).

Die größte Aufregung (neben dem Nachbarn der mehrmals täglich seine zwei bis fünf Kühe vorbei treibt) war, als ich beim Versuch online ein Busticket zu kaufen am Sichheitswahn meiner Kreditkarte scheitere und sie gesperrt wird. Damit mir auch wirklich nichts passieren kann (oder zumindest meinem Geld nicht), hatte mein Telefonunternehmen auch mein Roaming abgestellt, was mich beides einige Tage beschäftigt, bevor ich es wieder so herstellen kann, wie ich es möchte.

Am Tag vor meiner Abreise fällt der lange angekündigten Schnee, was unsere Mobilität deutlich einschränkt. U.a. daher bin ich froh, dass einer der anderen Freiwilligen – ein Student aus Konya – mich nach İzmir begleiten will. So muss ich nicht alleine im Schnee nach den richtigen Bussen suchen.

Ankunft in der Türkei

In Avcılar kommen wir mit nur einer Stunde Verspätung an. (Entsprechend des aktuellen Planes… dieser ändert sich entweder alle paar Stunden oder wird sicherheitshalber erst garnicht erneuert. Die Crew hat es sich zumindest abgewöhnt darauf zu achten.) Dennoch dauert es noch einige weitere Stunden bis auch ich von Bord kann. Der für mich zuständige türkische Agend der Reederei verschwindet noch zweimal lange, um noch was zu klären und dann darf ich schließlich mit. Während des Wartens beobachte ich wie die Hafenarbeiter (die für das Sichern der Ladung zuständig sind), versuchen unseren dritten Offizier aus der Ruhe zu bringen, indem sie provokativ unterm Hinweisschild rauchen, aber er bleibt ruhig.
Auf jeden Fall scheint sich das Warten gelohnt zu haben: Ich werde derart schnell durch die Sicherheitsschleuse gelotst, dass ich erst später prüfen kann, ob ich überhaupt einen Eingangsstempel in meinen Pass bekommen habe. Anstelle des georderten Taxis fährt mich dann auch ein anderer Agend den ganzen Weg zu meinem Hostel und will zu meiner Überraschung nicht einmal Geld dafür haben.

Im Hostel übernachte ich in einem Acht-Bett-Zimmer, von denen aber nur die Hälfte belegt sind und zeige – nachdem ich mal wieder Postkarten verschickt und eine Busfahrt für Sonntag gebucht habe – einer Grundschullehrerin aus Hongkong ein paar meiner Lieblingstellen. Abends begleite ich noch zwei Mitarbeiter des Hostels und zwei andere Gäste zu einer Tour durch das Nachtleben İstanbuls.

Nach einer kurzen Nacht breche ich am Folgetag zu meinem ersten Bauernhof auf. Das Dolmuş von Taxim fährt uns gleich zu Beginn der Reise zum falschen Busbahnhof, so dass ich und zwei weitere Fahrgäste dem Bus in einem Taxi ein Stück hinterher gefahren werden. Dieser fährt dann das Marmara Meer südwärts und überquert bei Eceabat mit einer Fähre die Dardanellen nach Çanakkale. Da er am Hafen endet fahre ich zum dortigen Busbahnhof und mit einem weiteren Dolmuş nach Bayramiç. Dort angekommen ist es mittlerweile so spät, dass ich keinen Anschluß mehr bekomme, aber einen hilfreicher Zeitungsverkäufer finde, der einen Bekannten ruft, welcher mich fährt. Ich bezahle ihn für diese letzten Kilometer mehr Geld als für die gesamte vorherige Strecke. Aber ohne ihn hätte ich es wegen der Dunkelheit, der kaum vorhandenen Ausschilderung und der schlichtweg nicht vorhandenen Adresse (mein Bauernhof hat nur einen Namen) wohl nicht gefunden.

Auf dem Bauernhof werde ich schon sehnsüchtig erwartet – die Mitarbeiter hatten mir nämlich eine E-Mail mit einer einfacheren Wegbeschreibung geschrieben, die ich aber nicht mehr gelesen hatte.

Der Hof auf dem ich nun helfen werde, bewirtschaftet derzeit verschiedene Äcker (überwiegend mit altem anatomischen Getreidesorten). Dort leben mit mir nun sechs Menschen, zwei Hunde, zwei Katzen und unzählige von Hühnern und Gänsen.

Von Malta nach İstanbul

Vom Container-Hafen in Malta erreicht man fußläufig einen kleinen Ort. Dieser bietet neben einem hübschen Strand und ein paar kleinen Geschäften vor allem eine Busverbindung, mit der wir für sagenhafte 1,50 € über die halbe Insel, bis nach Valetta fahren konnten. Valetta ist die kleinste – aber äußerst sehenswerte – Hauptstadt der Europäischen Union und war bei unserem Besuch übervoll von Menschen. Ohne es zu wissen waren wir nämlich am „Tag der Republik“ angelandet und stolperten quasi mitten in den zentralen Festakt. Mehrere male mussten Polizisten mühevoll eine Passage durch die Menschenmassen bahnen, damit hochrangige Politiker bzw. Militärs vorbeifahren konnten. Außerdem waren wir just in dem Moment zugegen, als eine Ehrenformation drei Salutschüsse vor der Präsidentin abfeuerten. (Dies geschah zum großen Entsetzen eines bis dahin noch begeisterten Kleinkindes, das dann auch noch von einem jungen Soldaten auf den Arm genommen wurde, anstatt zu seiner Mutter zu dürfen…)

Der Nachteil an diesem Feiertag war, dass alle Postfilialen geschlossen waren und wir nur mit einiger Mühe Briefmarken ergattern konnten, um unsere Grüße (auf Karten von Le Havre) zu verschicken. Nach einem Rundgang durch die Stadt, einem kleinen Imbiss und einen Blick auf die gegenüber liegenden Orte Slima und Gzira (wobei zumindest erstgenannter sich seit meinem letzten Besuch vor gut 20 Jahren deutlich verändert hatte) fuhren wir wieder zum Hafen zurück.

Dort machte ich vom Meer aus – ich stand mit den Füßen im frischen Mittelmeer – ein Foto von unserem Schiff.

Der folgende reine Seetag verlief relativ ruhig und so nutze ich die Zeit, um die neuen Offiziere (ein Teil der Crew hatte in Malta gewechselt) kennen zu lernen. Abends wurde ich noch spontan von den Philippinos zu einer zweiten Karaoke-Party eingeladen. Sie feierten den vorerst letzten Tag ohne eng beieinander liegender Häfen, was für sie immer sehr viel Arbeit bedeutet.

Am vorletzten Tag meiner Seereise wurde ich von einem wunderschönen Sonnenaufgang in der Ägäis geweckt und beobachtete nachmittags von der Brücke aus die Fahrt durch die Dardanellen. Trotz des mittlerweile einsetzenden Nieselregens war auch Çanakkale, der Nationalpark bei Gallipoli (die ich beide plane später noch zu besuchen) und die engste Stelle gut erkennbar. Hier soll Xerxes seiner Zeit, mit dem Plan Griechenland zu erobern, 100 000 Soldaten über eine Brücke aus Schiffen nach Europa geschickt haben.

Nachdem wir das Marmara-Meer durchquert und nachts in Gebze noch einmal Container be- und entladen hatten, fuhren wir zu meinem Zielhafen Avcılar bei İstanbul.

Von Le Havre nach Malta

Da wir vor Le Havre (unserem nächsten Hafen) auf einen freien Platz am Kai warten mussten, fuhren wir erst in den frühen Morgenstunden dort ein. Dadurch ergab sich die Möglichkeit eines weiteren Landgangs. Während des Wartens auf das obligatorische Taxi (da man sich im Hafengelände nicht ohne bewegen darf) unterhielt ich mich mit dem dritten Offizier über seine Heimat die Philippinen.
Im Taxi war dann auch unser Kapitän erstaunlich gesprächig. Wie auch in vorherigen Gespräch brachte ich nicht von mir aua heikle Themen an, sondern ließ mich über meine Radtour ausfragen und mir von seinem Traum Sibirien mit dem Motorrad zu bereisen berichten.

In Le Havre selber waren recht schnell unsere Postkarten versendet, neue gekauft, Tesafilm (um das uns der zweite Ingenieure gebeten hatte) gefunden und der im postmodernen Betonstil nach dem zweiten Weltkrieg neu errichtete Stadtkern besichtigt. Bevor wir wieder an Bord gingen, holte ich mir im Supermarkt noch zwei Tüten „Carambar“ (Karamel-bonbons). Diese stellte ich in die Aufenthaltsräume der Crew, damit sie – wenn sie schon in der Regel nicht dazu kommen von Bord zu gehen – trotzdem etwas typisch französisches haben konnten.

Auf der kommenden längeren Etappe durch die erstaunlich ruhige Biskaya, an Portugal vorbei bis zum marokkanischen Tanger, hatte ich die ersten reinen Seetage. An diesen konnte ich das Schiff von Bug bis Heck, sowie bis hoch zur Brücke und dem darüber liegenden „Affendeck“ erkunden. Außerdem war Gelegenheit etwas Wäsche zu waschen, zu lesen und mich mit verschiedenen Crew-Mitgliedern zu unterhalten. (Dabei stieß vor alle mein Uganda-Projekt auf großes Interesse.)

– An einem Morgen begegneten wir einem Wal, von dem allerdings nur seine Wasserfontaine zu sehen war. –

In Tanger konnten wir leider nicht an Land gehen, da wir uns nicht zeitig genug um die nötige Erlaubnis gekümmert hatten (anders als geplant, waren wir tagsüber im Hafen). Statt dessen nahm ich schon mal Kontakt zu möglichen Bauernhöfen in der Türkei auf, fand durch Zufall ein weiteres Buch, dass ich ganz vergessen hatte und beobachtete von der Brücke die nächtliche Fahrt durch die Meerenge von Gibraltar.

Auf der Fahrt durchs westliche Mittelmeer wurden wir von einer sehr ruhigen See und reichlich Sonne verwöhnt.

Eines Mittags (vor der algerischen Küste) bekamen wir einige Kriegsschiffe zu Gesicht. Sie erscheinen zwar auch auf dem Radar, gaben aber – anders als andere Schiffe – keine weiteren Details (Länge, Destination…) von sich Preis. Als mir dann noch erzählt wurde, dass mein Schiff auf einer vorherigen auf ein verlassenes Flüchtlingsboot gestoßen sei, fühlte ich eine Unruhe in mir aufkommen und ertappte mich die folgenden Tage immer wieder dabei den Horizont abzusuchen (mit der vagen Befürchtungen, tatsächlich was zu finden, die aber nicht eintraf).

Als wir schon die tunesische Küste hinter uns gelassen hatten, traf sich die gesamte Mannschaft eines Abends an der Sammelstelle beim Rettungsboot, um gemeinsam zu grillen. Tische und Stühle waren rauagetragen worden und eine quer durchgeschnitte Tonne diente als Grill. Unser Koch hatte sich mächtig ins Zeug gelegt und unter anderem an einer als Rose dekorierten Melone sein künstlerisches Talent unter Beweis gestellt. Zunächst saßen wir noch nach Sprachen getrennt – wir drei Deutschen zwischen den russischsprachigen Offizieren und den Philippinos – aber als es kälter wurde, rückten wir alle im Crew-Aufenthaltsraum zusammen und ich konnte zu fortgeschrittener Stunde das erste mal in meinem Leben meine Karaokefähigkeiten unter Beweis stellen.

Eineinhalb Tage später reihten wir uns in die große Gruppe der Schiffe ein, die vor Malta darauf warteten einlaufen zu dürfen.

Ankunft an Bord

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Am Tag meines Aufbruchs stand ich früher als geplant auf und verließ bereits um 8 Uhr das Hostel. Einer der Gäste, mit denen ich in dieser Nacht das Zimmer teilte, war leider sehr laut und rücksichtslos, so dass alle anderen (mich eingeschlossen) – trotz mehrfacher Beschwerden – kaum Schlaf bekamen. So wartete ich bei wärmenden Tee sowie meinem aktuellen Buch, das Ende des Nieselregens und die Ankunft einer Freundin aus Düsseldorf in einem Café ab. Nach einem gemeinsamen Spaziergang durch die Innenstadt fuhr sie mich zum Burchardkai, wo ich – obwohl meine Anmeldung im Büro der Hafensicherheit nicht auffindbar war – zur „Adelheid S“ gefahren wurde.

Erleichtert, gut auf meinem Schiff angekommen zu sein, bekam ich auch gleich meine erste Mahlzeit, lernte meine beiden Mitpassagiere und erste Crew-Mitglieder kennen. Obwohl ich sehr müde war, beobachtete ich noch lange aus meinem Kojenfenster, wie Container geladen wurden, der Hafenkran sich schließlich hoch klappte, wir ablegen und die Elbe Richtung Mündung fuhren. Kurz hinter Wedel legte ich mich schlafen.

Da einer der beiden anderen Passagiere auch für die Reederei arbeitete, auf dessen Schiff ich war, zeigte er uns am ersten Seetag ausführlich den Maschienenraum. Außerdem wurden wir von einem der niedrigeren Offiziere mit den Sicherheitsregularien vertraut gemacht.

Jeder in unserer 18köpfige Crew hatte sehr klar beschrieben Aufgaben und Kompetenzen. Es herrschte auch eine klare Hierarchie. So haben etwa nicht nur die Offiziere von der übrigen Crew abgetrennte Essenes- und Aufenthaltsräume, sondern auch jeder Sitzplatz ist fest zugeordnet. Das wurde sogar eingehalten, wenn wir nur zu zweit im Raum saßen und uns unter Umständen fast mit dem Rücken zueinander unterhalten mussten… Der Kapitän stammte von der Krim, die restlichen Offiziere waren auch überwiegend aus Osteuropa. Nur der zweite Ingenieur (ein deutscher) und der dritte Ingenieur sowie der dritte Offizier (von den Philippinen) bildeten hier eine Ausnahme. Die einfache Crew bestand ausschließlich aus Philippinos.

Am Nachmittag meines ersten Tages auf See durfte ich einer Seebestattung beiwohnen (musste sogar zeitweise die Zeremonie filmen). Der Passagier von der Reederei ließ, nachdem das Schiff auf hoher See gestoppt und er eine kurze Ansprache gehalten hatte, die Asche seines Vaters zu Wasser.

Am nächsten Tag hatten wir Antwerpen und damit die erste Möglichkeit für einen Landgang erreicht, die wir Passagiere natürlich wahrnehmen. Während der Reederei-Mitarbeiter uns am Bahnhof Richtung Heimat verließ, schauten wir uns die Innenstadt, Burg, Kathedrale und das Rathaus an.