Godron Family Farm

Die kommenden zwei Wochen sind geprägt von Orangen. „Meine“ vierköpfige französische Familie hält verschiedene Nutzvögel (Enten, Gänse, Hühner, Perlhühner und ein Truthahn-Pärchen) eine Katze und einen Hund – ein Hirte legt uns einen Welpen vor die Tür, der aufgrund der Intervention der Kinder zumindest übergangsweise auch aufgenommen wird.
Außerdem haben sie einen Gemüsegarten sowie etliche Orangen- (und ein paar äußerst stachlige Granatapfel-)Bäume. Besonders die Orangenbäume sorgen für ausgefüllte Arbeitstage. Nach dem Aufsammeln alter heruntergefaller Früchte, entferne ich abgestorbene Äste und junge Triebe die im inneren der Bäume zu viel Energie von den Früchten ablenken würden. Dabei umkreisen mich regelmäßig die hungrigen Vögel. Besonders das liebestolle Truthan-Pärchen kommt so nah an mich heran, dass ich es streicheln könnte – den Hahn muss ich allerdings ab und zu an die Reihenfolge in der Nahrungskette erinnern…
Praktischerweise ist die diesjährige Ernte so gut ausgefallen, dass es täglich Orangen gibt. Wir essen sie einfach so, pressen ihren Saft aus, genießen sie als Marmelade, verarbeiten sie im Salat und ich kreiere sogar eine Süßspeise aus ihnen.

An den beiden Wochenenden steht nach der Arbeit je ein Ausflug zum Klettern auf dem Programm und bei der zweiten Exkursion beende ich nicht nur meine erste Top-Rope-Route dort, sondern schaffe sogar (mit aufmunternden Zurufen von unten) das erste mal eine im Vorstieg.

An einem Abend lädt uns ein befreundeter Deutscher und seine türkische Frau zum Fisch grillen ein. An einem anderen kommen die beiden und noch ein weiteres aus Deutschland ausgewandertes Paar zu Sauerkraut und Kassler zu uns vorbei. Da zwischendurch auch noch drei französische Künstlerinnen zu Besuch sind, ist viel Bewegung im Haus.
Als Abschlussprojekt im Garten stellen wir noch ein Gewächshaus fertig, welches wir am ersten Tag begonnen hatten.

An meinem freien Tag besichtige ich Thermessos. Weil der Weg vom Eingang bis zu den antiken Ruinen doch sehr weit ist, halte ich das erste vorbeikommende Auto an und werde mitgenommen. Wie sich herausstellt, habe ich mir dabei den Sohn eines Archäologen ausgesucht. So bekomme ich nicht nur meine eigene Führung und etwas Tee im Wächterhäuschen, sondern auch noch ein paar Wanderkarten geschenkt und eine Rückfahrt nach Antalya. Dort besuche ich die Außenterrasse meines Hostels und tausche bei meinem Buchhändler ein neues Buch.

Am Morgen meiner Abreise schenke ich dem Vater meiner Gastfamilie noch eine Packung Kräutertee, da ich zufällig mitbekommen habe, dass er Geburtstag hat und fahre dann mit einem Fernbus nach Dinizli, wo ich eine befreundete Studentin besuchen will.

Xenophon, Haselnüsse und Diogenes

Die folgenden Tage reise ich entlang der Schwarzmeerküste nach Westen und mache (eher zufällig) dort Zwischenstopps, wo auch Xenophon mit dem griechischen Heer lagerte. So besuche ich zunächst meinen Bekannten bei seiner Familie in Ordu. Dort werde ich sehr liebenswürdig aufgenommen. Er zeigt mir seine Stadt und stellt mich einigen seiner Verwandten sowie Freunden vor. Mit zwei Schwestern – von denen die eine sogar englisch und deutsch kann – besuchen wir das Aussichtsrestaurant auf Boztepe und radeln die Strandpromenade entlang. Bei meiner Abfahrt bekomme ich noch eine Tüte Haselnüsse, für die diese Region berühmt ist.

Von Ordu fahre ich weiter nach Sinop, wo eine Besichtigung des historischen Gefängnisses, der Burg, einer osmanischen Garnison und das Denkmal des Philosophen Diogenes „des Hundes“ auf meiner Agenda stehen.

Mit dem Entschluss, das Schwarze Meer nochmal im Sommer zu besuchen, fahre ich über Ankara wieder Richtung Süden. Im Bus lerne ich einen Mitarbeiter der Weltbank kennen – der mir von seinem sozialen Projekt auf den Philippinen und den „Bänkern ohne Grenzen“ (dafür mit Gewissen) erzählt – und kehre in Ankara angekommen in einem Hostel ein. Das Zimmer dort teile ich mir mit einem Chinesen, einem Perser, einem Usbeken und einem Afghanen. Vor allem mit den drei letztgenannten unterhalte ich mich sehr gut und teile einige der Haselnüsse aus Ordu mit ihnen. Gemeinsam mit dem Afghanen gucke ich mir auch die Stadt und insbesondere das Mausuleum Atatürks an. An den Abenden unterhalte ich mich mit meinen Zimmergenossen – im wahrsten Sinne des Wortes – über Gott und die Welt und wir sind uns, angesehen von der Bewertung der Demokratie, erstaunlich einig…

Nach zwei Übernachtungen reise ich auch von dort wieder ab und kehre nach Antalya zurück. Die Tage bis zum Arbeitsbeginn auf dem nächsten Bauernhof nutze ich, um meinen bei der Schule zwischen gelagerten Rucksack abzuholen und die Mutter meiner Gastfamilie zu besuchen. (Bei der Gelegenheit gebe ich ihr für ihre Tochter meine Buskarte aus Ankara, die ich in einer anderen Stadt nicht nutzen kann.)
Am 10. Februar holt mich die französische Familie, auf deren Hof ich die nächsten zwei Wochen mitarbeiten werde, vor einem Einkaufszentrum ab und ich kollektiviere als Gastgeschenk meine restlichen Haselnüsse.

Ich freue mich auf die Arbeit und darauf endlich mal wieder etwas länger an einem Ort zu bleiben, so dass es sich lohnt, meine Taschen auszupacken.

Ausflug ans Schwarze Meer

Meine letzte Woche in Antalya wasche ich nochmal alle meine Sachen (wer weiß, wann ich dazu wieder die Gelegenheit habe) und packe schon mal zur Probe meine Taschen. Dabei stelle ich fest, dass ich etwas über 25 Kilogramm mit mir führe. Wenn ich bedenke, wie weit ich das alles schon getragen habe, kommt es mir viel vor; wenn ich bedenke, dass ich im Moment nicht mehr besitze, habe ich das Gefühl, es sei wenig. Definitiv ist es aber zu viel für den gebuchten Flieger nach Tranzon, so dass ich meinen Rucksack in der Schule zwischen lagere und nur mit meinem Seesack weiter reise.

Außerdem verabschiede ich mich von „meiner Familie“, meiner Schule, meinem Buchhändler – nicht ohne das alte gegen ein neues Buch zu tauschen – und meiner lieblings Simit-Verkäuferin, die immer schon den größten und leckersten Sesamring rausgesucht hatte, sobald sie mich sah.

Nach etwa eineinhalb Stunden Flug komme ich nicht nur in Trabzon, sondern auch im Winter an. Die Stadt ist (zunehmend) tief verschneit – was auch meine Ausflüge in das Umland verhindert. Schon in der Stadt sind die Straßen ohne Schneeketten kaum befahrbar und so von schliddernden Fußgängern bevölkert. Immer wieder brechen spontan Schneeballschlachten aus, an denen sich nicht nur Kinder, sondern auch ältere Herren oder unterbeschäftigte Mitarbeiter von Restaurants mit Außenbetrieb beteiligen. (Mitunter so enthusiastisch ausgeführt, dass schon mal Aschenbecher von den Tischen geworfen werden.)

Außerdem machen viele aus der Not, kaum Platz für den weggeschaufelten Schnee zu haben, eine Tugend und bauen Schneemänner (& detailverliebte Schneefrauen – für die eigens bunte Perücken aus dem nahe gelegenen Geschäft herbei geschafft werden).

Da ich von meinem Besuch im letzten Jahr schon einige Sehenswürdigkeiten kenne, besichtigen ich dieses mal eine leider sicher verschlossene Klosterruine, die Stadtmauer mit angrenzender Burg (größtenteils innig mit modernen Wohnhäusern umschlossen) und das städtische Museum. Dort treffe ich auch auf Hinweise zu Xenophon, dessen Buch über den Marsch der zehntausend griechischen Söldner von Mesopotamien in ihre Heimat, ich gelesen hatte.