Yeni Köy

Die folgende (knappen) zwei Wochen verbringe ich auf einem kleinen Bauernhof, wo ich als Freiwilliger mitarbeite. Im Gegenzug dafür bekomme ich kostenlose Kost und Logie. Neben dem Besitzer und seiner Freundin leben hier noch im Wechsel fünf andere Freiwillig – wobei ich der einzige Ausländer bin. Aber alle sprechen zumindest ein paar Worte Englisch, was sehr praktisch für mich ist, da meine Türkischkenntnisse doch noch sehr lückenhaft sind. Die Bewohner versuchen möglichst ökologisch sinnvoll zu leben und arbeiten. Sie sind sehr offen und hilfsbereit – und spielen am Heiligen Abend sogar den ganzen Tag nur für mich Weihnachtslieder (was ich fälschlicherweise zunächst für eine Marotte des Radiosenders halte).

Da im Winter weniger Aufgaben anfallen, besteht unser Tagesablauf vor allem daraus, abwechselnd morgens die Gänse, Hühner, Katzen und Hunde zu füttern und den Hühnerstall auszumisten. Diese Reihenfolge drängt sich auf, da sie am ehesten der Lautstärke und Ungeduld der Tiere gerecht wird. Den restlichen Tag packen wir Lebensmittelpäckchen (überwiegend) für Großstädter, die bereit sind für Bio-Lebebsmittel entsprechend Geld auszugeben – beziehungsweise wir bereiten dafür vor, indem wir zum Beispiel Mehl sieben, Bohnen und ihre Schalen auseinander sortieren oder Kräuter abwiegen. Außerdem backen wir mehrere Male Brot in einem großen Lehmbackofen. (Eines davon werde ich als Abschiedsgeschenk mitnehmen dürfen.)

Zusätzlich muss man dafür sorgen, dass immer genug Trink- und Brauchwasser, sowie Brennholz für den Ofen im Gemeinschaftsraum und unseren Schlafräumen vorhanden ist.
Zwischendurch ist aber auch immer Zeit, sich am Ofen aufzuwärmen, zu unterhalten und sich zu entspannen (was ausdrücklich Teil des Tagesablaufes ist).

Die größte Aufregung (neben dem Nachbarn der mehrmals täglich seine zwei bis fünf Kühe vorbei treibt) war, als ich beim Versuch online ein Busticket zu kaufen am Sichheitswahn meiner Kreditkarte scheitere und sie gesperrt wird. Damit mir auch wirklich nichts passieren kann (oder zumindest meinem Geld nicht), hatte mein Telefonunternehmen auch mein Roaming abgestellt, was mich beides einige Tage beschäftigt, bevor ich es wieder so herstellen kann, wie ich es möchte.

Am Tag vor meiner Abreise fällt der lange angekündigten Schnee, was unsere Mobilität deutlich einschränkt. U.a. daher bin ich froh, dass einer der anderen Freiwilligen – ein Student aus Konya – mich nach İzmir begleiten will. So muss ich nicht alleine im Schnee nach den richtigen Bussen suchen.

Ankunft in der Türkei

In Avcılar kommen wir mit nur einer Stunde Verspätung an. (Entsprechend des aktuellen Planes… dieser ändert sich entweder alle paar Stunden oder wird sicherheitshalber erst garnicht erneuert. Die Crew hat es sich zumindest abgewöhnt darauf zu achten.) Dennoch dauert es noch einige weitere Stunden bis auch ich von Bord kann. Der für mich zuständige türkische Agend der Reederei verschwindet noch zweimal lange, um noch was zu klären und dann darf ich schließlich mit. Während des Wartens beobachte ich wie die Hafenarbeiter (die für das Sichern der Ladung zuständig sind), versuchen unseren dritten Offizier aus der Ruhe zu bringen, indem sie provokativ unterm Hinweisschild rauchen, aber er bleibt ruhig.
Auf jeden Fall scheint sich das Warten gelohnt zu haben: Ich werde derart schnell durch die Sicherheitsschleuse gelotst, dass ich erst später prüfen kann, ob ich überhaupt einen Eingangsstempel in meinen Pass bekommen habe. Anstelle des georderten Taxis fährt mich dann auch ein anderer Agend den ganzen Weg zu meinem Hostel und will zu meiner Überraschung nicht einmal Geld dafür haben.

Im Hostel übernachte ich in einem Acht-Bett-Zimmer, von denen aber nur die Hälfte belegt sind und zeige – nachdem ich mal wieder Postkarten verschickt und eine Busfahrt für Sonntag gebucht habe – einer Grundschullehrerin aus Hongkong ein paar meiner Lieblingstellen. Abends begleite ich noch zwei Mitarbeiter des Hostels und zwei andere Gäste zu einer Tour durch das Nachtleben İstanbuls.

Nach einer kurzen Nacht breche ich am Folgetag zu meinem ersten Bauernhof auf. Das Dolmuş von Taxim fährt uns gleich zu Beginn der Reise zum falschen Busbahnhof, so dass ich und zwei weitere Fahrgäste dem Bus in einem Taxi ein Stück hinterher gefahren werden. Dieser fährt dann das Marmara Meer südwärts und überquert bei Eceabat mit einer Fähre die Dardanellen nach Çanakkale. Da er am Hafen endet fahre ich zum dortigen Busbahnhof und mit einem weiteren Dolmuş nach Bayramiç. Dort angekommen ist es mittlerweile so spät, dass ich keinen Anschluß mehr bekomme, aber einen hilfreicher Zeitungsverkäufer finde, der einen Bekannten ruft, welcher mich fährt. Ich bezahle ihn für diese letzten Kilometer mehr Geld als für die gesamte vorherige Strecke. Aber ohne ihn hätte ich es wegen der Dunkelheit, der kaum vorhandenen Ausschilderung und der schlichtweg nicht vorhandenen Adresse (mein Bauernhof hat nur einen Namen) wohl nicht gefunden.

Auf dem Bauernhof werde ich schon sehnsüchtig erwartet – die Mitarbeiter hatten mir nämlich eine E-Mail mit einer einfacheren Wegbeschreibung geschrieben, die ich aber nicht mehr gelesen hatte.

Der Hof auf dem ich nun helfen werde, bewirtschaftet derzeit verschiedene Äcker (überwiegend mit altem anatomischen Getreidesorten). Dort leben mit mir nun sechs Menschen, zwei Hunde, zwei Katzen und unzählige von Hühnern und Gänsen.

Von Malta nach İstanbul

Vom Container-Hafen in Malta erreicht man fußläufig einen kleinen Ort. Dieser bietet neben einem hübschen Strand und ein paar kleinen Geschäften vor allem eine Busverbindung, mit der wir für sagenhafte 1,50 € über die halbe Insel, bis nach Valetta fahren konnten. Valetta ist die kleinste – aber äußerst sehenswerte – Hauptstadt der Europäischen Union und war bei unserem Besuch übervoll von Menschen. Ohne es zu wissen waren wir nämlich am „Tag der Republik“ angelandet und stolperten quasi mitten in den zentralen Festakt. Mehrere male mussten Polizisten mühevoll eine Passage durch die Menschenmassen bahnen, damit hochrangige Politiker bzw. Militärs vorbeifahren konnten. Außerdem waren wir just in dem Moment zugegen, als eine Ehrenformation drei Salutschüsse vor der Präsidentin abfeuerten. (Dies geschah zum großen Entsetzen eines bis dahin noch begeisterten Kleinkindes, das dann auch noch von einem jungen Soldaten auf den Arm genommen wurde, anstatt zu seiner Mutter zu dürfen…)

Der Nachteil an diesem Feiertag war, dass alle Postfilialen geschlossen waren und wir nur mit einiger Mühe Briefmarken ergattern konnten, um unsere Grüße (auf Karten von Le Havre) zu verschicken. Nach einem Rundgang durch die Stadt, einem kleinen Imbiss und einen Blick auf die gegenüber liegenden Orte Slima und Gzira (wobei zumindest erstgenannter sich seit meinem letzten Besuch vor gut 20 Jahren deutlich verändert hatte) fuhren wir wieder zum Hafen zurück.

Dort machte ich vom Meer aus – ich stand mit den Füßen im frischen Mittelmeer – ein Foto von unserem Schiff.

Der folgende reine Seetag verlief relativ ruhig und so nutze ich die Zeit, um die neuen Offiziere (ein Teil der Crew hatte in Malta gewechselt) kennen zu lernen. Abends wurde ich noch spontan von den Philippinos zu einer zweiten Karaoke-Party eingeladen. Sie feierten den vorerst letzten Tag ohne eng beieinander liegender Häfen, was für sie immer sehr viel Arbeit bedeutet.

Am vorletzten Tag meiner Seereise wurde ich von einem wunderschönen Sonnenaufgang in der Ägäis geweckt und beobachtete nachmittags von der Brücke aus die Fahrt durch die Dardanellen. Trotz des mittlerweile einsetzenden Nieselregens war auch Çanakkale, der Nationalpark bei Gallipoli (die ich beide plane später noch zu besuchen) und die engste Stelle gut erkennbar. Hier soll Xerxes seiner Zeit, mit dem Plan Griechenland zu erobern, 100 000 Soldaten über eine Brücke aus Schiffen nach Europa geschickt haben.

Nachdem wir das Marmara-Meer durchquert und nachts in Gebze noch einmal Container be- und entladen hatten, fuhren wir zu meinem Zielhafen Avcılar bei İstanbul.

Von Le Havre nach Malta

Da wir vor Le Havre (unserem nächsten Hafen) auf einen freien Platz am Kai warten mussten, fuhren wir erst in den frühen Morgenstunden dort ein. Dadurch ergab sich die Möglichkeit eines weiteren Landgangs. Während des Wartens auf das obligatorische Taxi (da man sich im Hafengelände nicht ohne bewegen darf) unterhielt ich mich mit dem dritten Offizier über seine Heimat die Philippinen.
Im Taxi war dann auch unser Kapitän erstaunlich gesprächig. Wie auch in vorherigen Gespräch brachte ich nicht von mir aua heikle Themen an, sondern ließ mich über meine Radtour ausfragen und mir von seinem Traum Sibirien mit dem Motorrad zu bereisen berichten.

In Le Havre selber waren recht schnell unsere Postkarten versendet, neue gekauft, Tesafilm (um das uns der zweite Ingenieure gebeten hatte) gefunden und der im postmodernen Betonstil nach dem zweiten Weltkrieg neu errichtete Stadtkern besichtigt. Bevor wir wieder an Bord gingen, holte ich mir im Supermarkt noch zwei Tüten „Carambar“ (Karamel-bonbons). Diese stellte ich in die Aufenthaltsräume der Crew, damit sie – wenn sie schon in der Regel nicht dazu kommen von Bord zu gehen – trotzdem etwas typisch französisches haben konnten.

Auf der kommenden längeren Etappe durch die erstaunlich ruhige Biskaya, an Portugal vorbei bis zum marokkanischen Tanger, hatte ich die ersten reinen Seetage. An diesen konnte ich das Schiff von Bug bis Heck, sowie bis hoch zur Brücke und dem darüber liegenden „Affendeck“ erkunden. Außerdem war Gelegenheit etwas Wäsche zu waschen, zu lesen und mich mit verschiedenen Crew-Mitgliedern zu unterhalten. (Dabei stieß vor alle mein Uganda-Projekt auf großes Interesse.)

– An einem Morgen begegneten wir einem Wal, von dem allerdings nur seine Wasserfontaine zu sehen war. –

In Tanger konnten wir leider nicht an Land gehen, da wir uns nicht zeitig genug um die nötige Erlaubnis gekümmert hatten (anders als geplant, waren wir tagsüber im Hafen). Statt dessen nahm ich schon mal Kontakt zu möglichen Bauernhöfen in der Türkei auf, fand durch Zufall ein weiteres Buch, dass ich ganz vergessen hatte und beobachtete von der Brücke die nächtliche Fahrt durch die Meerenge von Gibraltar.

Auf der Fahrt durchs westliche Mittelmeer wurden wir von einer sehr ruhigen See und reichlich Sonne verwöhnt.

Eines Mittags (vor der algerischen Küste) bekamen wir einige Kriegsschiffe zu Gesicht. Sie erscheinen zwar auch auf dem Radar, gaben aber – anders als andere Schiffe – keine weiteren Details (Länge, Destination…) von sich Preis. Als mir dann noch erzählt wurde, dass mein Schiff auf einer vorherigen auf ein verlassenes Flüchtlingsboot gestoßen sei, fühlte ich eine Unruhe in mir aufkommen und ertappte mich die folgenden Tage immer wieder dabei den Horizont abzusuchen (mit der vagen Befürchtungen, tatsächlich was zu finden, die aber nicht eintraf).

Als wir schon die tunesische Küste hinter uns gelassen hatten, traf sich die gesamte Mannschaft eines Abends an der Sammelstelle beim Rettungsboot, um gemeinsam zu grillen. Tische und Stühle waren rauagetragen worden und eine quer durchgeschnitte Tonne diente als Grill. Unser Koch hatte sich mächtig ins Zeug gelegt und unter anderem an einer als Rose dekorierten Melone sein künstlerisches Talent unter Beweis gestellt. Zunächst saßen wir noch nach Sprachen getrennt – wir drei Deutschen zwischen den russischsprachigen Offizieren und den Philippinos – aber als es kälter wurde, rückten wir alle im Crew-Aufenthaltsraum zusammen und ich konnte zu fortgeschrittener Stunde das erste mal in meinem Leben meine Karaokefähigkeiten unter Beweis stellen.

Eineinhalb Tage später reihten wir uns in die große Gruppe der Schiffe ein, die vor Malta darauf warteten einlaufen zu dürfen.

Ankunft an Bord

img-20161209-wa0005

Am Tag meines Aufbruchs stand ich früher als geplant auf und verließ bereits um 8 Uhr das Hostel. Einer der Gäste, mit denen ich in dieser Nacht das Zimmer teilte, war leider sehr laut und rücksichtslos, so dass alle anderen (mich eingeschlossen) – trotz mehrfacher Beschwerden – kaum Schlaf bekamen. So wartete ich bei wärmenden Tee sowie meinem aktuellen Buch, das Ende des Nieselregens und die Ankunft einer Freundin aus Düsseldorf in einem Café ab. Nach einem gemeinsamen Spaziergang durch die Innenstadt fuhr sie mich zum Burchardkai, wo ich – obwohl meine Anmeldung im Büro der Hafensicherheit nicht auffindbar war – zur „Adelheid S“ gefahren wurde.

Erleichtert, gut auf meinem Schiff angekommen zu sein, bekam ich auch gleich meine erste Mahlzeit, lernte meine beiden Mitpassagiere und erste Crew-Mitglieder kennen. Obwohl ich sehr müde war, beobachtete ich noch lange aus meinem Kojenfenster, wie Container geladen wurden, der Hafenkran sich schließlich hoch klappte, wir ablegen und die Elbe Richtung Mündung fuhren. Kurz hinter Wedel legte ich mich schlafen.

Da einer der beiden anderen Passagiere auch für die Reederei arbeitete, auf dessen Schiff ich war, zeigte er uns am ersten Seetag ausführlich den Maschienenraum. Außerdem wurden wir von einem der niedrigeren Offiziere mit den Sicherheitsregularien vertraut gemacht.

Jeder in unserer 18köpfige Crew hatte sehr klar beschrieben Aufgaben und Kompetenzen. Es herrschte auch eine klare Hierarchie. So haben etwa nicht nur die Offiziere von der übrigen Crew abgetrennte Essenes- und Aufenthaltsräume, sondern auch jeder Sitzplatz ist fest zugeordnet. Das wurde sogar eingehalten, wenn wir nur zu zweit im Raum saßen und uns unter Umständen fast mit dem Rücken zueinander unterhalten mussten… Der Kapitän stammte von der Krim, die restlichen Offiziere waren auch überwiegend aus Osteuropa. Nur der zweite Ingenieur (ein deutscher) und der dritte Ingenieur sowie der dritte Offizier (von den Philippinen) bildeten hier eine Ausnahme. Die einfache Crew bestand ausschließlich aus Philippinos.

Am Nachmittag meines ersten Tages auf See durfte ich einer Seebestattung beiwohnen (musste sogar zeitweise die Zeremonie filmen). Der Passagier von der Reederei ließ, nachdem das Schiff auf hoher See gestoppt und er eine kurze Ansprache gehalten hatte, die Asche seines Vaters zu Wasser.

Am nächsten Tag hatten wir Antwerpen und damit die erste Möglichkeit für einen Landgang erreicht, die wir Passagiere natürlich wahrnehmen. Während der Reederei-Mitarbeiter uns am Bahnhof Richtung Heimat verließ, schauten wir uns die Innenstadt, Burg, Kathedrale und das Rathaus an.