Warten auf mein Schiff

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Die folgenden Tage verbrachte ich in Hamburg, um bei der Ankunft meines Containerschiffes vor Ort zu sein. Ich übernachtete in einem Hostel in der Nähe des Hauptbahnhofes, wo ich mir mein Zimmer (zunächst ein vier-, dann ein sechs-Bett-Zimmer) mit verschiedensten Reisenden teilte. Darunter waren unter anderem eine Gruppe tübinger Masterstudenten (von denen mir einer sein philosophisches Wissen preisgab) und zwei Brüder aus Spanien (die mich herzlich in ihre Heimat einluden).

Die Tage verbrachte ich mit dem einstimmenden Besuch im Maritimen Museum, einer Hafenrundfahrt, der Auskundschaftung „meines“ Kais, fußläufiger Erkundungen von Altona bis St. Georg und des Besuches des (sehr) experimentellen Films „Tod dem Zuschauer“. Außerdem bekam ich noch an zweit Tagen Besuch von ehemaligen Kommilitonen, mit denen ich über die verschiedenen Weihnachtsmärkte ging (etwas, von dem ich dachte dieses Jahr drauf verzichten zu müssen).

Nun ist der 30.11.2016 und morgen soll ich mein Schiff betreten, das in der Nacht – nach noch zweimaliger Verschiebung – ankommen wird. Zum Frühstück will eine Freundin aus Düsseldorf vorbei kommen und dann geht es endgültig los. Meine Anspannung steigt und ich muss mich zurück halten, nicht alle halbe Stunde im Internet nachzusehen, wie nah an Hamburg es schon ist (beim letzten Blick war es vor den westfriesischen Inseln)… Den nächsten Eintrag werde ich von Bord aus verfassen.

Das Ende der Radtour

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Von Heist fuhr ich über Pinneberg nach Norderstedt und beendete so die letzte Strecke meiner Radtour. Insgesamt hatte ich nun an 44 Tagen 22 Etappen und insgesamt gute 1.145 Kilometer hinter mich gebracht. Dabei waren bis auf mein zwischendurch etwas schmerzendes Knie und viermaligem Absprung der Kette keinerlei Probleme aufgetreten. Etwas wehmütig brachte ich nun mein Rad bei der Cousine meiner Mutter, ihrem Mann und Schwiegervater (die mich schon beim letzten Besuch so gastfreundlich aufgenommen hatten) unter und entleerte meine Fahrradtaschen, um neben meinem Rucksack eine mir von meinen Gastgebern geschenkten Seesack zu füllen. Diese Art des Reisens nahm ich mir fest vor zu wiederholen – zumal ich ja auch ohnehin, nach meiner Rückkehr aus der Türkei, mein Rad wieder irgendwie in den Harz bekommen werden muss…

Neben der Packaktion blieb noch genügend Zeit auf eine Geburtstagsfeier mitzufahren, bei der ich den Hinweis bekam, dass ich im Internet gucken kann, wo sich „mein“ Schiff gerade befindet. (Es war zu dem Zeitpunkt noch vor Malta). Außerdem bekam ich ein Führung durch das hamburger Schanzen- sowie das Karoviertel und wir erkundeten den Winterdom. Am Tag vor meiner Weiterreise sahen wir uns noch – nach reichlichem leckeren mongolischen Essen – in einem DVD-Marathon die letzten beiden Folgen des „kleinen Hobbits“ an.

Anstatt gleich nach Hamburg zu fahren traf ich mich mit einem ehemaligen Kommilitonen in Winsen an der Luhe. Bei meinem letzten Aufenthalt in der Gegend, hatte es terminlich nicht geklappt, so dass ich mich sehr freute nun von ihm die Nordheide und seine Arbeitsstelle gezeigt zu bekommen. Er war seid einiger Zeit in einer Unterkunft für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge tätig. Ich nahm die Gelegenheit war, ihn zu seiner Spätschicht zu begleiten und auch dort zu übernachten. Einen Großteil der Zeit half ich dem aus Algerien stammenden Koch in der Küche (und kürzte aus Versehen meinen einen Fingernagel bis auf die Haut – so scharfe Messer bin ich von zu Hause gar nicht gewohnt). Es gab aber auch noch genügend Gelegenheiten sich mit verschiedenen Mitarbeitern und Jugendlichen der Einrichtung zu unterhalten, den Versuch zu starten bei Deutschhausaufgaben zu helfen und mit einem der Jungs zu kickern.

Nach dem Frühstück fuhr ich am nächsten Morgen nach Hamburg.

Holstein (zweiter Teil)

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Mit der Über- oder vielmehr Unterquerung des Nord-Ostseekanals war ich wieder in Holstein angekommen. Dort wurde ich zunächst ein paar Tage von meiner Tante und meinem Onkel in Bokelholm aufgenommen. Meine Oma, die sich gerade auf eine Hüftoperation vorbereitete war auch dort, so dass ich sie nach langer Zeit auch mal wieder sehen konnte. Zusätzlich kamen an verschiedenen Tagen auch meine anderen beiden Cousinen mütterlicherseits zu Besuch. Ich half während meines Aufenthalts ein wenig, den Garten winterfest zu machen, waren am Grab meines Opas und konnte viele Orte wieder besuchen, wo ich als Kind schon war.

Von Bokelholm aus verfuhr ich mich zunächst (von gradsenden Kühen kritisch beäugt) im Wilden Moor, um dann wieder dem liebgewordenen Ochsenweg auf seiner westlichen Route nach Itzehoe zu folgen. Dort wanderte ich an meinem obligatorischen Ruhetag zum Schloß Heiligenstedten, welches sich in Privatbesitz befindet und so nur durch das Tor hindurch von mir betrachtet werden konnte.

Auf der nächsten Etappe orientierte ich am Mönchsweg (und an einer schlecht ausgeschilderten Stelle an meinem Kompass) und radelte entlang der Stör und über zum Teil ganz schön von Schafen bekackten Elbdeiche nach Glückstadt. Nach einem kleinen Plausch mit einem stadtbekannten Pfandpiraten und kurzer Suche nach der richtigen Haustür, kam ich dort bei einem bekannten Pärchen unter.

Am Folgetag radelte ich ostwärts, traf kurz vor Elmshorn wieder auf den Ochsenweg und folgte ihm (kurz von einem heftigen Schauer gestört) am Naturschutzgebiet Leither Grube vorbei und durch Uetersen in den kleinen Ort Heist. Dort war ich gelandet, da mir die Unterkünfte in Wedel – dem Ende des Ochsenweges – zu teuer waren.
Wedel inklusive der Schiffsbegrüßungsanlage (und der Holmer Sandberge) besuchte ich alternativ mit dem Bus, bevor ich mich zur endgültig letzten Etappe meiner Radtour aufmachte.

Schleswig

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Nachdem ich mit dem Zug in Flensburg angekommen war, guckte ich mir den Hafen und die Innenstadt an und war positiv überrascht. So sehenswert hatte ich die Stadt nach der Lektüre des Eintrages in meinem Reisebüchleins, garnicht erwartet. Die Nähe zu Dänemark konnte man gut an den in vielen Geschäften oder auf Hinweisschilder angebotenen Sprachen erkennen. Skurril fand ich die Straße am „Nordertor“ in der viele Turnschuhe über quer hängende Drahtseile geworfen worden waren, ohne dass ich rausfinden konnte wieso.
Die Nacht verbrachte ich mit einem recht ruhigen Norweger, einem Dänen mit Migrationshintergrund und traditionsreichem mongolischen Namen (der versuchte mir am Beispiel von Arnold Schwarzenegger und Conchita Wurst zu erklären, dass europäische Männer heutzutage generell sehr verweichlicht wären) und einem jungen Mann unbekannter Nationalität (der sehr spät kam und dann morgens seinen Wecker nicht hörte) in einem Hostel.

Am nächsten Morgen folgte ich wieder dem Ochsenweg – jetzt in südlicher Richtung – bis Schleswig. Bezüglich dieser Stadt hatte mein Reisebüchlein mich richtig eingestimmt und sie gefiel mir noch besser als Flensburg. Auch wenn der Tourismus schon fast vollständig zum erliegen gekommen war und mit ihm insbesondere die von mir ersehnten Möglichkeiten mit einem Schiff auf der Schlei zu fahren, boten sich viele andere Möglichkeiten. So spazierte ich ums „Holmer Noor“ (der Unterschied zu einem Moor ist mir nicht ganz klar), besichtigte die alte Fischersiedlung Holm, den Dom und das Schloß Gottorf. Trotz meines über vier einhalb stündigen Aufenthaltes dort schaffte ich es aber nicht mir alle Ausstellungen anzugucken. Nach dem kulturhistorischen Teil, Moorleichen, Landschaftskunde und einem Bildhaueratelier, beschloß ich die Expressionisten unbeachtet zu lassen, da ich kaum noch was aufnehmen konnte.

Weil mir die Schlei so gut gefiel, wurde ich meinem Ochsenweg untreu und radelte den Wikinger-Friesen-Weg am leider geschlossen Haithabu-Museum (über die Wikinger) vorbei ostwärts. Zunächst querte ich das Danewerk – eine im Mittelalter angelegte Wallanlage, die bis in den zweiten Weltkrieg hinein eine gewisse strategische Bedeutung behielt – am südlichen Schleiufer bis Missunde. Die saisonbedingt Einstellungen der Schifffahrt schloss aber leider auch die Fähre mit ein, so dass ich erst bei der einspurigen, von der Eisenbahn, Autos und Radfahrern abwechselnd genutzten Hebebrücke bei Lindaunis an das Nordufer und schließlich nach Kappeln gelangte. Da auch hier der Tourismus schon weitestgehend zum erliegen gekommen war, verbrachte ich die Zeit mit kleinen Wanderungen. Die erste führten sie mich nach Arnis, der nur etwa 350 Einwohner zählenden kleinsten Stadt Deutschlands (bei der die deutschen Truppen im deutsch-dänischen Krieg die Schlei überwinden konnten, nachdem es ihnen – wie mir, aus anderen Gründen – bei Missunde misslungen war). Am nächsten Tag wanderte ich nach Maasholm, von wo ich bei schönstem Herbstwetter auf die Schleimündung und über die Ostsee bis nach Dänemark gucken konnte. – Ich glaube ich habe selten einen Herbst so intensiv genossen, wie in diesem Jahr…

Meine letzte Station in Schleswig (genauer gesagt, im südlichen, heute in Deutschland liegendem Teil des ehemaligen Herzogtums Schleswig) war Eckernförde. Dort wanderte ich an der (Steil-)Küste entlang und ums Windebyer Noor, bevor ich durch die Hüttener Berge und Rendsburg wieder nach Holstein fuhr. (Da auch die dortige Schwebefähre über den Nord-Ostsee-Kanal nach einem Unfall nicht mehr verkehrte, musste ich einen kleinen Umweg durch den Fußgängertunnel in Kauf nehmen. Konnte so aber mit meinem Rad Aufzug fahren…)

Holstein (erster Teil)

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In Ermangelung einer Fahrradkarte fuhr ich entlang des Elberadweges in die hamburger Innenstadt (wo ich kurz einem Vater half seine beiden Pfand-sammelnden Jungs wieder zu finden) und anschließend grob an der Alster orientiert nordwärts. In Norderstedt besichtigte ich nach einer Pause im Stadtpark und praktischer Orientierungshilfen von einigen Flüchtlingen bzw. Jugendlichen den Kindergarten, in dem die Cousine meiner Mutter arbeitete. Bei ihr, ihrem Mann und ihrem Schwiegervater kam ich auch für die nächsten Tage unter.

Diese Zeit nutze ich, um mal wieder zu waschen. Zwischenzeitlich hatte es fast mein gesamter Wäschevorrat dringend nötig.
Neben vielen Gesprächen, hatte ich auch Zeit mir Gedanken darüber zu machen, wie ich die zusätzliche Zeit vor dem neuen Anfahrtstermin meines Schiffes nutzen wollte: eine „Schleife“ durch Schleswig-Holstein, verbunden mit zum Teil lange vernachlässigten Verwandtenbesuchen, war meine Wahl. Als Orientierung sollte mir der Ochsenweg dienen. Dieser führt von Norden nach Süden durch das Land und setzt sich in Dänemark als Heerweg fort. Die dafür nötige Karte war schnell gefunden…
Am Tag vor meiner Abreise besuchte ich noch das Zollmuseum in Hamburgs Speicherstadt, sozusagen als kleine Einstimmung für meine weitere Reise.

Von Norderstedt führte mich mein Weg über Neumünster (wo ich wieder mal zwischen Monteuren in einer kleinen Pension kurz vor der Stadt übernachtete) nach Kiel. Dort besuchte ich meine Cousine mit ihrem Mann und den zwei Kindern. Während meines Aufenthaltes dort waren zeitweise auch seine Schwester mit Mann und meine andere Cousine zu Besuch. Neben einem Ausflug zum Ostseestrand (inklusive obligatorischen Wassertest – natürlich nur mit den Füßen) und dem Vorlesen etlicher Kinderbücher stand für mich auch nochmal eine Fahrt in die City auf dem Programm. Einerseits wollte ich noch ein kleines Geschenk für den Mann meiner Cousine besorgen, dessen Geburtstag in die Zeit meines Besuchs viel und andererseits noch einmal zu meiner Bank. Leider klappte das mit den Überweisungen immer noch nicht so, wie ich mir das gewünscht hätte.

Von Kiel sollte es dann mit der Bahn – eine Schiffverbindung schien es leider nicht zu geben – nach Flensburg an die dänische Grenze gehen.