Von Bremen nach Hamburg

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Von Bremen folgte ich dem „Fernradweg Hamburg Bremen“ (der in umgekehrter Richtung beschrieben ist, also in der, in der ich ihn fuhr). Auf dem Weg übernachtete ich in Gyhum – in einem kleinen Hotel, wo ansonsten nur Monteure untergebracht waren – und in Hollenstedt. Letztere Unterkunft war fast schon ein wenig zu nobel, was sich vor allem beim Preis des Essens (zweifellos von sehr guter Qualität) und der u.a. damit einhergehen Belastung meines Budgets zeigte. Von einem Ruhetag unterbrochen, den ich für zwei Spaziergänge nutzte, brachte ich so die nächsten 150 km hinter mich.

In Hamburg bezog ich ein Pensionszimmer. Wobei dies eigentlich gefühlt nicht wirklich in Hamburg, sondern recht weit außerhalb in Kirchwerder befand. Aber eine gute Busverbindung brachte mich an dem folgenden zwei Tagen nach einer je dreiviertel stündigen Fahrt wieder in die City. Am ersten dieser Tage bestieg ich den Kirchturm des „Michel“, flanierte auf den Landungsbrücken bzw. in St Pauli und unterhielt mich (zunächst etwas unfreiwillig) am ZOB mit … hmm … denen, die halt immer da sitzen und schon früh Bier trinken.
Am zweiten stand dann die Besichtigung der Speicherstadt und der Hafen City auf dem Programm. Außerdem besuchte ich eine Filiale meiner Bank, da die Erledigung meiner Bankgeschäft nicht so reibungslos funktionierte, wie ich erhoffte. Doch auch längere Gespräche dort und eine ausgiebiges Telefonat mit der Servicehotline brachten – wie sich später herausstellen sollte – nicht vollständig die gewünschte Besserung.

Die nächste Etappe sollte mich in das fünfte Bundesland auf meiner Tour – Schleswig-Holstein – führen.

ein Anruf

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In Bremen habe ich den Stadtteil Vegesack erkundet und mir im dortigen Buchladen mal wieder eine neue Fahrradkarte geholt. Außerdem bin ich natürlich auch an einem Tag mit der Regionalbahn wieder in die City gefahren. Dort habe ich mir die üblichen touristischen Sehenswürdigkeiten, wie das Rathaus, die Kirche „unserer lieben Frauen“, den Dom, die Stadtmusikanten, die Böttcherstraße, das Schnoorviertel und die Schlachte angeguckt. Anschließend habe ich es doch noch geschafft zumindest zwei meiner drei bremer Bekannten zu treffen. Mit dem einen schlenderte ich über den „Freimarkt“ (ein großes Volksfest) zu seiner Wohnung in Findorff und der andere besuchte mich zum Frühstück kurz vor meiner Abfahrt Richtung Hamburg.

Zwischendurch bekam ich noch einen Anruf bei dem mir mitgeteilt wurde, dass es Probleme mit dem Schiff gebe, mit dem ich nach Istanbul reisen wollte. Da dieses nun nicht mehr verkehrte, hätte ich entweder in zwei Tagen ein anderes nehmen können oder eben ca. am 24. November – wenn es zu einer weiteren Runde von Hamburg aufbrechen wird. Da ich es kaum hätte schaffen können in zwei Tagen nach Hamburg zu kommen, meine Sachen umzupacken und alle weiteren Vorbereitung zu treffen, entschied ich mich für die Variante Ende November und hatte plötzlich unerwartet viel Zeit…

Entlang des Weser-Radweges

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Die folgenden zwei Tage fuhr ich entlang des Weser-Radweges nach Norden. (Auf verschiedenen Empfehlung hin, wählte ich zum Teil die Alternativroute.)

Auf dem Weg von Nienburg nach Verden konnte ich vor allem auf den ersten Kilometern viele Fasane beobachten und an zum Teil sehr interessanten Schleuseneinrichtung vorbei fahren. Als ich schon eine gute Zeit später in einer überraschend engen Kurve unglücklich schaltete, sprang meine Fahrradkette von den vorderen Zahnrädern, was sich aber schnell beheben ließ und mit Hilfe der noch nassen Blätter eines kleinen Baumes konnte ich anschließend sogar meine Hände wieder säubern. Als sich gegen Mittag der Nebel – durch den ich bis dahin größtenteils gefahren war – lichtete, nutzte ich das zweite mal auf meiner Tour die Möglichkeit nur im T-Shirt weiter zu radeln. (Irgendwie passen die vielen bedauernden Hinweise auf das schlechte Oktoberwetter – zum Glück – nicht wirklich zu meinen bisherigen Erfahrungen.) Auch in Verde angekommen, nutzte ich noch das schöne Wetter, um die Innenstadt und die Uferpromenade zu begutachten und mir an einer Tankstelle eine Dosensuppe zum Abendessen zu holen. Hier bezog ich das erste mal auf meiner Reise ein kommerzielles Gästezimmer, bisher hatte ich immer bei Bekannten übernachten können. Das Zimmer, welches ich über die wirklich empfehlenswerte Internetseite www.bettundbike.de (Danke für den Hinweis nach Hockeln. Ich habe sie noch öfters genutzt…) gefunden hatte, ließ an Ausstattung und Service keine Wünsche offen.

Am folgen Tag gelangte ich – mich stets am östlichen bzw. nördlichen Ufer der Weser haltend – nach Bremen. Bei der Touristen-Information buchte ich meine nächste Übernachtungsmöglichkeit und radelte weiter stromaufwärts nach Lemwerder. Dort setzte ich mit einer Fähre nach Vegesack über und ließ mich auf dem „Schulschiff Deutschland“ einquartieren. Dabei handelt es sich um ein dreimastiges Segelschiff das jetzt als Museum genutzt wird, früher aber tatsächlich zur Ausbildung von Seeleuten diente. Die Koje entsprach in der Größe (oder eher Enge) den damaligen Standards, aber die Hängematten wurden durch Doppelstockbetten ausgetauscht. Eine schöne Einstimmig auf meine Containerschifffahrt, insbesondere da ich mit einem der Mitarbeiter ein wenig über die Seefahrt fachsimpeln konnte.

Going west…

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Meine nächsten Etappen führten mich über Hannover und Neustadt am Rübenberge nach Nienburg an die Weser.

Der Innerste-Radweg bis Sarstedt war wesentlich schöner (grüner und öfters abseits von Straßen) als das Teilstück bei Salzgitter-Ringelheim. Er wurde aber vom Leine-Radweg noch übertroffen. Dieser beeindruckte durch naturbelassene Schutzgebiete, idyllische Kulturlandschaften und eine im positiven Sinne bemerkenswerte Streckenführung in Hannover. Gut ausgeschildert und fast immer durchs Grüne gelangte ich an den Maschsee, radelte an der Ihme entlang zur Universität und kam schließlich in die Nordstadt. Nach einer kulinarischen Einstimmung auf die Türkei und einer kleinen Erkundung des Viertels, traf ich bei einer leider sehr krankheitsgeplagten ehemaligen Kommilitonin ein. Um sie ein wenig zu schonen verabredeten wir ein abgespecktes Abendprogramm und eine zeitige Abreise meinerseits am Folgetag.

Dem Leine-Radweg folgte ich – zuzüglich eines kurzen Abstechers ans Steinhuder Meer – bis nach Neustadt am Rübenberge. (Der Rübenberg war ursprünglich wohl ein „rauer Berg“, der allerdings kaum die Höhe dessen übersteigt, was manch ambitionierter Bauer am Feldrand mit seinen Rüben aufstapelt – weswegen ich den Namen dann doch wieder irgendwie passend finde.) Je weniger Zeit ich in Hannover hatte, desto mehr war es in Neustadt. Optimal also um Tagebuch zu schreiben? Tatsächlich versandte ich die zweite Runde Postkarten, las in meinem Buch über die Türkei, lernte Vokabeln, half beim Fegen des Hofes, besichtigte Schloss Landestrost (ein erster kulturhistorischer Höhepunkt) und fand auch die Möglichkeiten mit der Bahn doch noch mal die Altstadt Hannovers und Wunstorf zu besuchen. An letzterem Ort konnte ich der Umräumaktion und Probe der Band des Freundes beiwohnen, der mir Unterkunft gab und mich begleitete. Hier entschloss ich auch meine Route umzuplanen. Da ich eh schon recht weit in den Westen „geraten“ war und noch weiter kommen würde, überlegte ich mir nicht durch die Lüneburger Heide, sondern entlang des Weser-Radweges nach Norden zu fahren. Dafür musste natürlich eine neue Karte her…

Dann schließlich fuhr ich über Mardorf und Schneeren (ein kleines Örtchen in dem keiner der fünf Befragten mir den Weg in den Nachbarort zeigen konnte) nach Nienburg. Hierhin hatte es eine weitere Tochter der Familie aus Hockeln verschlagen. Sie kam gerade mit nicht-jugendgemäßer Musik aus Frankreich wieder und gab mir eine Stadtführung durch die Innenstadt. Am nächsten Morgen begleitete sie mich noch ein Stück auf meinem Weg entlang der Weser nach Verden. Kurz hinter Drakenburg, wo mich vor allem ein von der Weser-Renaissance beeinflusster Torbogen eines alten Ritterguts beeindruckte, trennten sich dann unsere Wege.

Über Rocklum und Hockeln nach Hildesheim

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Die ersten drei Etappen meiner Radtour führten mich über Rocklum und Hockeln nach Hildesheim.
Dabei begann meine Abfahrt von Wernigerode gleich mit den ersten technischen Schwierigkeiten. Mein gerade erst am Vortag gekaufter Getränkehalter (ja, ich hätte auch gedacht, dass zwei Jahre Vorbereitung besser hätten genutzt werden können) wackelte sich schon nach wenigen Kilometern so lose, dass ich ihn abbauen musste, um ihn nicht zu verlieren und meine Lenkertasche weigerte sich standhaft die Verbindung mit dem Lenker wieder zu lösen. (Daran änderte auch die tatkräftige Unterstützung eines Bekannten aus meinem Englischkurs nichts. Erst mit der Zeit bekam ich das Fingerspitzengefühl, um sie zärtlich von Lenker zu entfernen.) Außerdem begleitet mich die gesamte Strecke stetiger Nieselregen, so dass ich – unterbrochen von einem improvisiert Mittagessen bei einem überraschten, aber dann sehr unterhaltsamen Gasthauspärchen – gut durchnässt an meinem ersten Etappenziel ankam. Dort durfte ich mich unter einer warmen Dusche aufwärmen, meinen nasser-Hund-Geruch ablegen und wurde von zwei ehemaligen Kommilitonen und ihren beiden Kindern herzlich aufgenommen.
Am nächsten Tag führte mich mein Weg, bei schon deutlich besserem Wetter (es nieselte nur einmal) westwärts. Und als ich auf den Innerste-Radweg traf, ihn verlor und wieder fand, entschied ich, dass eine 1:150000er-Karte, doch zu wenige Details verrät, um bei unklarer Ausschilderung den Weg zu finden. So nutzte ich meinen anschließenden ersten Ruhetag, um mich mit mit einer neuen Karte auszurüsten, meine nächsten drei Unterkünfte zu planen und noch ein Verbindungskabel zwischen PowerBox und Handy zu kaufen, welches ich um Platz und Gewicht zu sparen in Wernigerode ausgepackt hatte. In Hockeln (wohin man dringend mal reisen sollte, bevor es vom dänischen Massentourismus entdeckt wird *g*), kam ich zwar dazu meinen zweiten Tagebucheintrag zu schreiben, aber merkte, dass ich es viel spannender fand, mich mit meinem Gastgebern (diesmal die Eltern und Geschwister eines Jungen, um den ich mich während meines Studiums und Anerkennungsjahres im Rahmen des „Familien entlastenden Dienstes“ der Lebenshilfe gekümmert hatte) zu unterhalten.
Das folgende Etäppchen bis Hildesheim begleitete mich dann auch der Sohn der Familie.
Dort wurde ich von einem weiteren ehemaligen Kommilitonen aufgenommen und hatte die Möglichkeit etwas Wäsche zu waschen, anregende Gespräche über die Novellierung des SGB VIII bzw. die Türkei zu führe und zufällig noch andere StudienkollegInnen aus der damaligen Zeit zu treffen. Bei Spaziergängen an meinen alten Wohnungen und der Hochschule vorbei, kamen ich viele Erinnerungen an die schönen und ereignisreichen viereinhalb Jahre, die ich in dieser Stadt gelebt, studiert und gearbeitet hatte.

„Wieso machst du dieses Sabbatjahr eigentlich?“

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In der letzten Woche, bevor ich mein Sabbatjahr begonnen habe, habe ich einen Großteil meiner Arbeitszeit einerseits damit verbracht meine Vertreterin (fast)  überall vorzustellen und mit ihr über unsere Abläufe bzw. Strukturen zu reden und andererseits mich vor allem auch von „meinen“ Kindern und Jugendlichen zu verabschieden. Ein Junge stellt mir bei unserem vorletzten Treffen dann diese Frage.

Ach wenn ich mich nicht mehr an meine genaue Antwort erinnern kann, glaube ich, dass diese wohl kaum umfänglich war. Außerdem beschäftigte mich die Frage selber noch eine Weile. (Es ist faszinierend, dass gerade Kinder es manchmal ganz einfach schaffen den Kern einer Fragestellung zu treffen.)

Wenn ich über diese einfache Frage nachdenke, habe ich keine einfachen Antworten. Zunächst bin ich mir allerdings sicher, was keine Gründe für diese Auszeit sind. Ich versuche nicht irgendetwas los zu werden oder zu entfliehen. Ich lebe und arbeite sehr gerne in Wernigerode. Fühle mich sehr gut integriert, habe Spaß an meiner Arbeit, mag meine Kolleginnen und begleite sehr gerne meinen Kindern und Jugendlichen ein Stück auf ihrem Weg durchs Leben. Natürlich gibt es immer auch Kleinigkeiten über die ich mich mal ärgere, oder die ich mir anders wünschen würde, aber grundsätzlich – auch gerade, wenn ich mich mit anderen vergleiche – finde ich mein Leben schon echt ok. — Dennoch fand ich den Gedanken seltsam, bis zur Rente einfach nur so weiter vor mich hin zu leben/arbeiten, daher habe ich mich vor guten zwei Jahren zu dieser Zäsur entschlossen. (Eine meiner Lebensregeln ist es, Änderungen gerade dann zu initiieren, wenn es mir gut geht und nicht, wenn alles schwierig ist, da ich glaube dass ich Probleme eh – sozusagen im Handgepäck – mitnehmen würde.)

Ich erwarte von diesem Jahr also vor allem einen etwas distanzierten Blick zurück auf mein Leben, um mit etwas Abstand besser entscheiden zu können, ob ich alles so weiter machen möchte. Außerdem erhoffe ich mir die Möglichkeit ein paar Dinge zu ändern, die sich eingeschlichen hatten und welche ich immer schon mal ändern wollte. Wenn ich in einem Jahr wieder in dieses Leben zurückkehre und wieder an die Zeit vor dem Sabbatjahr anschließe, wird es sicher viel Kontinuität, aber auch einige Brüche geben. Dem blicke ich – zeitweise auch ängstlich, aber überwiegend –  hoffnungsvoll entgegen. Das letzte mal, dass ich ein Jahr mal weg war, hat sich sicher viel geändert (wenn auch nicht so radikal, wie mir prognostiziert wurde), aber insgesamt fast alles zum positiven.

Ich mache dieses Jahr also zunächst erstmal, um in Ruhe zurück zu blicken. Wohin es mich führen wird und was ich für mich lerne, ist und bleibt auch für mich eine große Überraschung…

Das Gernot Buch

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Hallo,  nun habe ich mich nach langem Suchen für dieses Tagebuch entschlossen. Ich muss mich wohl erst einmal mit der Handhabung vertraut machen und die folgenden Einträge werden dann hoffentlich weniger „holprig“.

Den Titel habe ich gewählt, weil die Kinder vom Bauwagen zum Abschied in mein Sabatical spontan ein gleichnamiges Buch gebastelt haben. (Um die Personen zu schützen, von denen ich schreibe, werde ich versuchen Namen zu vermeiden – oder zu ändern. Die englische Version ist keine Übersetzung, sondern eher eine sinngemäße Wiedergabe, damit auch meine nicht deutschsprachigen Freunde folgen können.)

 

Hello, after searching for some time, I finally decieded for this diary. Now I will have to figure out how everything works and hope the next notes will be more fluently.

I have decided for the title (the Gernot book), because of a book the kids from the site caravan spontaniously tinkered for me, before I left for my sabatical. (In order to protect the people I write about, I’ll try to avoid names – or change them. This is no translation of the german version above, but should contain more or less the same context.)

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